Mit Werten zu mehr Gelassenheit

geschrieben von Ralph Kurz am 09.12.2018

Werte. Der eine mag es für ein abgegriffenes und verbrauchtes Wort halten, der andere für etwas sehr Elementares.

Werte geben dem Denken, Fühlen und Handeln ein gewisses Gewicht, einen Ausschlag in eine besondere Richtung – wie Goldstücke auf einer Goldwaage.

Waage

Doch sind nicht alle Werte solide; manche glänzen gar hübsch, sind aber hohl, nicht belastbar oder haben Eigenschaften von vernichtender Anti-Materie.

Ohne das Thema Werte in der Breite zu vertiefen, möchte ich hier beschreiben, wie ein werte-orientierteres Leben zu mehr Gelassenheit beiträgt.

Welche Werte lebe ich?

Wenn man Menschen fragt, was ihnen wichtig ist, kommt häufig eine spannende Aufzählung heraus. Was ist dir wichtig? Anerkennung, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit?

Übung: Finde heraus, welche Werte dir wirklich wichtig sind. Eine Liste von Werten oder Tugenden findest du bspw. beim Virtues Project.

Die Frage im Anschluss ist:

  • lebst du diese Werte wirklich?
  • Lebst du sie in den Bereichen des Lebens (Job, Beziehung, Hobby), die dir wichtig sind?
  • Oder hättest du gerne, dass andere dir gegenüber diese Werte leben?
  • Oder wäre es einfach nur schön, solche Werte zu leben?

Welche Werte lebst du tatsächlich, wenn du genauer hinschaust?
Wenn du radikal ehrlich dir selbst gegenüber bist?

Vielleicht gibt es Bereiche, in denen du, bewusst oder unbewusst, gewisse Werte bereits verwirklichst.

  • Welche Bereiche fallen dir da ein?
  • Woher kommt es, dass du diese Werte lebst?
  • Wurden sie dir vorgelebt?
  • Sind es (anerzogene, anerzwungene) Gewohnheiten?
  • Wieso sind dir diese Werte wichtig?
Entdecken

Entdecken, was einem wirklich wichtig ist

Mit Hilfe der Fragen von oben bekommst du vielleicht ein Gefühl von Werten, die dir wichtig sind.

Aber wieso sollte es wichtig sein, zu wissen, was einem wichtig ist?
Gegenfrage: was sonst?

Seine Werte nicht zu leben oder gar gegen seine Werte zu leben, ist Verrat an sich selbst. Handlungen, die sich an konkreten Werten (und nicht an Beliebigkeit) orientieren, ergeben Ergebnisse, die voll Wert, also wertvoll sind.

Der Prozess, die Werte zu finden, die einem wichtig sind und vor allem, wie man sie "am besten" lebt, wird einen wohl ewig begleiten. Umso wichtiger vielleicht ein "Über-Wert", ein Leitstern, eine Richtschnur, die all dem Denken und Handeln eine besondere Richtung gibt.

Werte wollen verwirklicht werden – bestmöglich

Es ist eine Perspektive, die dir helfen kann, die wichtigsten Werte zu finden:

Welche Werte brauchst du, um im Leben oder in einem bestimmten Bereich das Bestmögliche zu geben?
Wie sähe ein dir bestmögliches Leben aus?

Hier wird es spannend, denn das Bestmögliche ist nicht das Perfekte. Das Bestmögliche geht immer von einem selbst aus. Von dem, was du (und nicht andere) zu leisten im Stande bist. Von deinen eigenen persönlichen Voraussetzungen, Fähigkeiten und Ressourcen. Das Bestmögliche zu geben bedeutet, seine Grenzen und Fähigkeiten zu kennen und diese zum Besten einzusetzen und zu entwickeln. Das Bestmögliche hat die aktuellen Möglichkeiten und das Ideal immer im Blick. Es lässt sich von einem Ideal ziehen, ohne den Blick auf die Realität zu verlieren.

Und jetzt mal ernsthaft: was sollst du denn sonst tun? Das Leben ist einmalig, du bist einmalig und sich mit Wahllosigkeit und Beliebigkeit zu begnügen, ist dann auch wieder Verrat an sich selbst.

Das Bestmögliche passiert nicht einfach, es möchte verwirklicht werden.

All I can do is all I can do. But all I can do is enough. – Arthur J. Williams

Welche Werte möchtest du generell zum Ausdruck bringen?

Und wie äußern sich diese Werte dann?

Du willst freundlicher sein? Dann grüße die Leute und sei freundlicher zu dir selbst (in deinem inneren Dialog zum Beispiel).

Du willst ordentlicher sein? Dann sortiere deine Dinge, räume dein Auto, deine Festplatte und deine Papiere auf und entwickle Systeme und Gewohnheiten, die dich darin unterstützen.

Werte werden dadurch erst wirklich wertvoll, indem sie gelebt werden.
Alles andere sind Lippenbekenntnisse.

Und was hat das mit Gelassenheit zu tun?

Wenn du weißt, was dir wichtig ist und du weißt, wieso dir etwas wichtig ist, dann weißt du auch, wofür es sich lohnt, sich aufzureiben, leidenschaftlich zu werden, und wofür nicht. Du (er)kennst deine Prioritäten.

Wenn dich etwas belastet, dann kannst du das mit dem vergleichen, was dir wichtig ist. Und wenn es nichts mit deinen Werten zu tun hat, warum sich dann kümmern? (klar, es gibt Ausnahmen, z.B. wenn sich viele Menschen in Gefahr befinden oder im zwischenmenschlichen Bereich)

Was möglicherweise auch passieren kann, ist, dass du mit bestimmten Menschen oder Unternehmen nicht mehr zusammen sein oder zusammenarbeiten möchtest, da sich eure Werte zu sehr unterscheiden.

Hinzufügen, was förderlich ist und wegnehmen, was unförderlich ist

Wenn du weißt, welche Werte du in welchem Bereich ins Leben bringen möchtest, können die folgenden Fragen mehr Klarheit auf den Weg bringen:

  • Wovon möchte ich mehr tun, weil es meinen Werten förderlich ist?
  • Wovon möchte ich weniger tun, weil es meinen Werten unförderlich ist?

Wenn du mehr Ordnung oder Struktur haben möchtest, ist es sinnvoll, sich mit bestimmten Systemen auseinanderzusetzen und eines zu etablieren und möglichst alle Prozesse und Gewohnheiten abzustellen, die dem zuwider laufen. Oder: Räume dein Zimmer auf und lass die Klamotten nicht alle auf dem Boden liegen (wer kennt’s nicht?)

Es ist ein Prozess

Prozess

Eine weitere, nützliche Perspektive: betrachte das Umsetzen von Werten als einen Prozess. Das bedeutet, dass es am Anfang vielleicht nicht so funktionieren wird, wie du dir das vorgestellt hast und du zu sehr an Ergebnissen hängst. Jede Veränderung “knirscht” am Anfang. Es ist der Prozess des Dranbleibens, der die Ergebnisse zeitigen wird.

Kein Meister ist je vom Himmel gefallen.
Übung macht den Meister.

Das bedeutet: ärgere dich nicht oder verzweifle nicht, wenn es auf dem Weg zu einem von neuen Werten geprägten Leben neue Herausforderungen oder Hindernisse gibt. Sie stellen oft Prüfungen dar, diesen neuen Wert dennoch zu leben. Diese Prüfungen zeigen eventuell auch, welche Werte dir vorher wichtig waren.

Überfordere dich nicht. Je eiliger du es hast, je mehr du umsetzen möchtest, umso langsamer solltest du gehen. Eile mit Weile.

Die Gelassenheit kommt zum einen daher, zu wissen, dass solche Herausforderungen auftauchen können und zum anderen daher, dass man weiß, dass man sich sicher ist, dass man auf einem Weg ist, den man für gut befindet.

Doch vielmehr erreicht dich eine andere Form der Gelassenheit: die, die daraus entsteht, dass du im Einklang mit deinen Werten lebst.


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