Was ist Gelassenheit? – Teil 1

Was verstehst du unter Gelassenheit? Eher etwas Gemütliches oder etwas Lasches? Coolness oder innere Ruhe? Oder alles zusammen? Das, was Gelassenheit beinhaltet, hat eine lange Geschichte und hier schauen wir weit in die Vergangenheit. In der jüngeren Vergangenheit gibt es noch weitere Gedanken zum Thema Gelassenheit, auf die ich in einem weiteren Post eingehen werde.

Die Wohlgemutheit

Demokrit (460/459 v. Chr. ~ 371 v. Chr) postulierte als das höchste Ziel Wohlgemutheit oder auch euthymia (eu = gut, thymia ~ Gemüt). Das ist eine heitere, gleichmütige Stimmung. Die Schritte, die man innerlich dazu gehen müsse, sind drei:

  1. Die Seele ermöglicht Erkenntnis
  2. Erkenntnis führt zur Überwindung von Angst
  3. Überwindung der Angst führt zum guten Gemüt – der Wohlgemutheit

Als Gemüt bezeichnet man im Deutschen “Empfindungsvermögen oder Sinn für Gefühlswerte”. Es kommt das Wort Mut darin vor. Mut bedeutet heute meistens sowas wie Tapferkeit. Aber Mut ist mehr als Tapferkeit. So hat Mut im 8 Jh. auch die Bedeutung von “Kraft des Denkens, Seele, Herz, uvm.”. Man sagt ja auch, dass jemand “beherzt” an eine Sache herangeht.

Also Wohlgemutheit ist eine heitere, gleichmütige Stimmung – unbeeinträchtigt von irgendetwas.

Von der Seelenruhe

Seneca (4 v.Chr – 65 n.Chr.), einer der bekanntesten Vertreter der späten Stoa (v.a. da von ihm viel überliefert ist), kennt die tranquillitas animi – Seelenruhe (Ruhe/Frieden der Seele). Er hat darüber in seinem Buch “Von der Gelassenheit” geschrieben. Dort erklärt er seinem Freund Serenus:

Was du sehnlichst wünschst, ist aber etwas Großes und Vollkommenes, etwas Gottähnliches: sich nicht erschüttern zu lassen. Diesen festen Zustand der Seele nennen die Griechen Euthymia, wohlgemut zu sein. Darüber gibt es ein ausgezeichnetes Buch Demokrits. Ich nenne diesen Zustand Gelassenheit.

Der Seelenfrieden, Demokrits euthymia, wird hier mit Gelassenheit übersetzt – als Synonym für die Seelenruhe/-frieden.

Seneca erklärt sogar, wie sich dieser Zustand darstellt: es ist der Zustand einer Seele, die sich immer in einer gleichmäßigen und glücklichen Bewegung befindet, die mit sich im Einklang ist und immer in einem ruhigen Zustand verharrt.

Da das ganze Buch voller Tipps an Serenus ist, wie er gelassener werden kann, hier ein paar Hinweise:

[…] keinen Gefallen an sich zu haben. Dies entsteht aus einer Unausgeglichenheit der Seele und aus ihren Trieben, die entweder nicht entschieden genug oder zu wenig erfolgreich sind. […] (2)

[…] wie man diesem Lebensüberdruß abhelfen könne. Das Beste wäre, wie Athenodorus sagt, wenn man sich dem tätigen Leben, politischen Aktivitäten und den bürgerlichen Pflichten widmete. (3)

Das erste, was wir tun müssen, ist, uns selbst genau zu prüfen, sodann die Geschäfte, die wir in Angriff nehmen wollen, und drittens die Leute derentwegen oder mit denen wir dies tun. (6)

Außerdem darf man Begierden nicht auf etwas loslassen, was nicht in unserer Reichweite liegt, sondern wir wollen ihnen nur gestatten, sich auf etwas in der Nähe zu richten […] (10)

Es geht viel um selbsthervorgerufene “Störungen” der eigenen Befindlichkeit durch bspw. falsche Ansichten oder Bemühungen sowie ungebändigte Wünsche.

In einem anderen Seiner Bücher (De Vita Beata VIII 6) schreibt Seneca:

Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst.

Hier klingt etwas an, das ich unten weiter ausführen möchte. Seneca, als Stoiker, beschreibt als das höchste Gut, also das, was es anzustreben gilt, die Harmonie der Seele mit sich selbst. Das klingt natürlich sehr nach einer Form von Gelassenheit – ist aber mehr.

Die Geburt des Wortes Gelassenheit?

Vermutlich ist Meister Eckhart (1260 – 1328) der Schöpfer des mittelhochdeutschen Wortes “gelazenheit” und damit des deutschen Wortes “Gelassenheit“. Der deutsche Mystiker, Theologe und Philosoph hebt einen göttlichen Aspekt in der Bedeutung des nun deutschen Wortes Gelassenheit hervor. In den “Reden der Unterweisung” schreibt er

Denn wonach du kein Begehren trägst, all dessen hast du dich begeben und es gelassen um Gottes willen.
Gelassenheit war ein großes Thema bei Meister Eckhart. So ist zum Beispiel folgende Zeile auch von ihm:
Man muss erst lassen können, um gelassen zu sein.

Zwischenfazit

Bisher haben wir als Formen von Gelassenheit die Wohlgemutheit, den Seelenfrieden oder -ruhe und eine “Gottgelassenheit”. Es sind Zustände der Seele. Seele ist der “Gesamtbereich der menschlichen Empfindungen und des Erlebnisvermögens” oder auch die Psyche.  Es geht also um ein Wohlbefinden (=nicht “krank”) und eine Ruhe (=Ungestörtheit) der Seele. Dieses Wohlbefinden erreiche man durch Erkenntnis und Überwindung von Ängsten (Demokrit). Seneca nutzt die ganze Palette der stoischen Ideen.

Bei Seneca habe ich auch angedeutet, dass diese Gelassenheit eine andere Rolle spielt und auch in anderen Formen auftritt. Daher folgt nun ein kleiner, aber interessanter Ritt durch die antike Glücks- und Tugendlehre.

Apathie & Unerschütterlichkeit

Es gibt zwei große Konzepte, die immer wieder beim Thema Gelassenheit und antiker Philosophie auftauchen. Das sind die Ataraxia und die Apatheia.

Ataraxia ist die Unerschütterlichkeit, ein seelischer Zustand der Affektlosigkeit und eine Gelassenheit gegenüber den Dingen, die das eudaimonische “Glück” beeinträchtigen könnten. Ein Affekt ist eine heftige Gemütsbewegung – oder eine irrationale Emotion. Es ist der Zustand wie “ein Felses in der Brandung”. Wer die Ataraxia besitzt, den kann nichts mehr emotional umhauen bzw. das “Glück versauen”.

Die Apatheia beschreibt einen Zustand der Unempfindlichkeit gegenüber Einflüssen von außen. Ein Ereignis in der Außenwelt löst bei der Person mit apatheia keine Gefühlserregung aus. In einer gemäßigteren Variante der Apatheia kann man von der Beherrschung der Gemütserregungen sprechen. Das bedeutet, dass die Person nicht wirklich gefühllos ist, sondern sehr beherrscht mit den eigenen Gefühlen umgeht.

(Es sollte klar sein, dass du kein gefühlloser Stein werden musst, um gelassen zu werden ;-))

Ein Weg zu mehr Gelassenheit ist der gekonnte Umgang mit Emotionen. Weniger die An- oder Abwesenheit einer bestimmten Gruppe von Emotionen, wie z.B. gute oder schlechte Emotionen, sondern wie man mit ihnen umgeht.

Beide, Ataraxia wie Apatheia, tragen zu Gelassenheit bei – und alle drei tragen zum “eudaimonischen Leben/Glück” bei.

Die Tugend Sôphrosynê – oder Besonnenheit

Die antiken Philosophen kannten die Tugend der Sophrosyne. Sie heißt so viel wie Besonnenheit (und weniger Mäßigung), Vernunft oder Nüchternheit. Besonnenheit ist die „überlegte, selbstbeherrschte Gelassenheit, die besonders auch in schwierigen oder heiklen Situationen den Verstand die Oberhand behalten lässt, um vorschnelle und unüberlegte Entscheidungen oder Taten zu vermeiden“. Ursprünglich bedeutet sie „Gesundheit des Zwerchfells“ (dem Sitz der Seele, also “Gesundheit der Seele”).

Auch sei die Sophrosyne:

  1. gesunder Verstand, vernünftige klare Besonnenheit, Klugheit, richtige Erkenntnis.
  2. besonnene Zurückhaltung, Selbstbeherrschung, Mäßigung der Begierden, Enthaltsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit, Anstand, Ordnung, Gehorsam, Sittsamkeit, Sittlichkeit, Moralität.

Andere Definitionen (SVF III 262) der Sophrosyne sprechen von einem “Wissen von dem, was zu wählen oder zu meiden und keines von beidem ist.” – dass man sich also eine Form von Wissen aneignet, das einen befähigt, in jeder Situation das zu wählen, zu meiden oder zu lassen ist, was angemessen ist.

Die Besonnenheit spielt in vielen Philosophien und Religionen immer wieder eine besondere Rolle.

Somit ergibt sich eine Form der Gelassenheit auf Verstandesebene durch organisiertes, taktvolles, selbstbeherrschtes, klares Denken – was soll einen da aus der Ruhe bringen?

Exkurs: Was ist eine Tugend?

Eine Tugend ist eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung. Man kann auch Charakter-Stärken oder -fähigkeiten dazu sagen. Je nach Kontext. Das Wort kommt vom deutschen Wort “Tauglichkeit”.

Tugenden werden von innen heraus verwendet, werden selbst aufgewandt und nicht von anderen gefordert. Tugenden kann man auch als Ich-, Du- und Wir-Qualitäten beschreiben. Tugenden sind kein „du sollst“ (von anderen aufgezwungen), sondern mehr ein „du kannst“ oder: die besten Werkzeuge für einen guten Charakter und ein gutes Miteinander.

Das eudaimonische Leben

Die vielleicht härteste oder unverständlichste Nuss in diesem Artikel.

Viele antike Philosophen waren der Ansicht, dass die (kurzfristige) Lusterfüllung und Schmerzvermeidung, auch Hedonismus genannt, kein dauerhaftes Glück und kein dauerhaft gutes Leben bringt. Dass also auf lange Sicht Süßigkeiten, Geld, Ruhm, Autos oder Häuser kein dauerhaftes “Glück” versprechen.

Was verspricht dann ein gutes Leben?

Die (antiken) Philosophen bezeichnen den Zustand eines gelingenden (guten, glücklichen) Lebens als Eudaimonia (eu = gut, daimonia = “Geist”). Für Eudaimonie bedarf es mehr als nur Gelassenheit. Neben der Ataraxia (und/oder der Apatheia) leiste auch die Aretḗ einen wichtigen Beitrag zu einem gelingenden Leben.
Aretḗ ist ein exzellenter Charakter, der mit Hilfe von Tugenden herausgebildet wird. Vor allem sind die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Besonnenheit, Mut und Weisheit bekannt. Und dieses geglückte, gedeihende Leben ist das Ziel vieler antiken Philosophien.

Gelassenheit war bei den antiken Philosophen nie das eigentliche Ziel im Leben. Ein eudaimonisches Leben sowie Gelassenheit sind Nebenprodukte des Strebens nach Aretḗ – es passiert en passant – im Vorbeigehen. Der Grund dafür ist, dass sie die dazu notwendigen Mittel gemeinsam haben.

(k)ein alter Hut!

Auch wenn die Ideen schon recht alt sind, werden sie gerade wieder immer aktueller. Zum Beispiel in der Positiven Psychologie. Die Menschen, die in dem Bereich aktiv sind, sind bspw. Abraham Maslow, Martin Seligman, Mihály Csíkszentmihályi oder Carol Ryff. Viele Ideen der antiken “Glücksphilosphen” werden heute wissenschaftlich überprüft, bestätigt und erfolgreich im Leben und in der Therapie eingesetzt. Vor allem die Idee der Charakter-Stärken oder Tugenden steht dort im Mittelpunkt für ein gutes, gelingendes Leben.

Was ist nun Gelassenheit?

Ok, ich versuche es mal zusammenzufassen: Gelassenheit ist emotionale und rationale Klarheit und Ruhe in Bezug auf das Leben. Es ist mal ein Zustand, mal eine Fähigkeit und mal ein Nebenprodukt.

Wer gelassener werden möchte, wird ein sinn-orientiertes Leben leben wollen, er wird an sich arbeiten wollen und seine Potentiale entdecken und entfalten wollen. Er wird sich mit seinen Emotionen und Gedanken auseinandersetzen und lernen, mit ihnen umzugehen und umzuformen. Er wird erkennen, wohin ihn sein Innerstes zieht und gelassen diesen Weg gehen.

Bildnachweise und Quellen
Demokrit: Houghton Library [Public domain], via Wikimedia Commons
Seneca: Peter Paul Rubens [Public domain], via Wikimedia Commons
Raphael: Raphael [Public domain], via Wikimedia Commons
Fels im Meer: cocoparisienne / Pixabay
Baum in Hand: umutavci / Pixabay
Seneca Zitate aus: Lucius Annaeus Seneca: Von der Gelassenheit. München: Beck, 2010.
Meister Eckhart, Reden der Unterweisung: https://www.meister-eckhart-erfurt.de/meister-eckhart-in-erfurt/reden-der-unterweisung/
Infos zu Gelassenheit und Demokrit aus kathpedia
Wortbedeutungen aus dwds.de
Ralph Kurz
Ralph schreibt hier zum Thema Gelassenheit und innerer Stärke.